Bericht Hitzeschlacht Challenge Roth 2014

Wie fange ich an… hätte mir jemand vor 2 Wochen prophezeit, dass ich bei der Challenge Roth mit 9:47 h finishen werde… ich hätte gesagt, dass das eine riesige Enttäuschung wäre. Mittlerweile sieht die Welt ein wenig anders aus…

Ca. 220 000 Zuschauer, ca. 4000 freiwillige Helfer, 3500 Einzelstarter und 650 Staffeln bilden die Rahmenbedingungen des größten Ironmandistanzrennens der Welt. Und dieses Jahr noch der 30. Geburtstag dieses Rennens. Eine traumhafte Kulisse für mein insgesamt 5. Langdistanzrennen über 3,8 km schwimmen, 180 km Rad und 42,2 km Laufen.

Nach einer guten aber nicht perfekten Vorbereitung (siehe Vorbericht) war 9:20 h mein Ziel. Doch dann wurde ich am Montag vor dem Rennen krank und diese hartnäckige Erkältung mit Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen sowie Husten wollte mich einfach nicht mehr loslassen, obwohl ich den Rest der Woche im Geschäft freinahm und fast nur noch schlief oder ausruhte. Erst am Samstag entschied ich mich endgültig für einen Start. Morgens ging ich zunächst 40 min mit ein paar Spitzen radeln. Der Puls war hier unterirdisch (oder eher oberirdisch, nähmlich viel zu hoch). Der Schwimmtest am Nachmittag lief dann aber schon viel besser und ich gab mir selbst grünes Licht.

Eine optimale Vorbereitung sieht allerdings anders aus und mit 100% Leistungsfähigkeit stand ich sicherlich nicht am Start. Wieviel mich das gekostet hat weiß keiner und werde ich auch niemals wissen. Es ist erstmal einfach nur schade. Aufgrund dieser Vorwoche hatte ich mein Ziel von 9:20 h auf 9:30 h korrigiert, womit ich wirklich zufrieden gewesen wäre. Meine Bestzeit lag (und liegt auch weiterhin) bei 9:41 h (Roth 2009).

Samstag: links der Main-Donau-Kanal in dem geschwommen wird. Rechts ist ein kleiner Teil der riesigen ersten Wechselzone zu erahnen. Weit über 4000 Rennräder

Samstag: links der Main-Donau-Kanal in dem geschwommen wird. Rechts ist ein kleiner Teil der riesigen ersten Wechselzone zu erahnen. Weit über 4000 Rennräder

Vater & Sohn gemeinsam am Start eines Ironman

Vater & Sohn gemeinsam am Start eines Ironman

Nun zum Rennen: Nach dem Start in der 1. von 16 Startgruppen um 06:30 Uhr gemeinsam mit allen Profis und schnellen Amateuren gab’s richtig auf’s Maul, was für die ersten 1500 m leider auch so blieb und wobei mir einmal die Brille runtergeschlagen wurde. Aber nach dem 1. Wendepunkt wurde es besser und nach 58 min und ein paar Sekunden stieg ich aus dem Wasser, was angesichts meines Minimalprogramms im Schwimmen ok ist. Im Nachhinein war’s sogar richtig gut, denn die Spitze der Profis schwamm 48 min und die steigen in Roth normalerweise nach 45 oder 46 min aus dem Wasser.

Nach dem guten Wechsel ging’s auf’s Rad, wo ich es endlich mal schaffte locker anzugehen. Vielleicht sogar ein bisschen zu locker. Ich fühlte mich richtig gut und auch der Puls war perfekt. Eines war jedoch schon früh zu erkennen: es sollte brutal heiß werden. Meinen ersten Schockmoment hatte ich bei km 45 rum in der Abfahrt hinter Greding, als sich beim Hochschalten meine Kette verkantete und ich erstmal ausrollen, anhalten und Kette wieder freibekommen musste. Und das im schnellsten Abschnitt des gesamten Rennens… Mehr als eine Minute hat mich das aber nicht gekostet. Allerdings fuhr von da an lange die Angst mit, wieder in den höchsten Gang zu schalten. Der Solarer Berg, ein Anstieg von maximal einem km, gesäumt von ca. 20.000 Zuschauern, war das Geilste, was es in unserem Sport zu erleben gibt. Ich lasse mal das Bild sprechen…

dort wo die Gitter aufhören, beginnt erst der Anstieg. So muss sich Tour-de-France anfühlen

dort wo die Gitter aufhören, beginnt erst der Anstieg. So muss sich Tour-de-France anfühlen

ich oben am Solarer Berg angekommen

ich oben am Solarer Berg angekommen

Kurz vor dem Ende der 1. Runde (von 2 Runden) fuhr Simon auf mich auf und gleich vorbei. Das erste Mal, dass er mich bei einem Rennen schon auf dem Rad eingeholt hat. Ich zögerte kurz, da er ziemlich schnell unterwegs war, ging dann aber doch mit. Er sprengte die Gruppe, in der ich mich einige Zeit befunden hatte (bis auf einen alle sehr fair fahrend), sofort und so ging es auf die 2. Runde. Ab und zu ging ich auch mal nach vorne, aber Simon war am Sonntag definitiv der stärkere Radfahrer von uns beiden. Bei km 150 ließ ich ihn dann ziehen, da mir mein Puls signalisierte, dass es langsam zu hart wurde. Da ich in letzter Zeit an meinem Zeitfahrrad keinen Tacho montiert habe wusste ich nie genau, wie schnell ich/wir eigentlich unterwegs waren. Simon meinte, er habe einen Schnitt von knapp über 37 km/h. Damit war ich zufrieden, da das eine Radzeit von 4:50 h ergibt. Dabei hatte ich im Laktatnebel allerdings nicht bedacht, dass er 3 min langsamer geschwommen war als ich. Auf den letzten Kilometern wurde mir immer mehr klar, dass es nur für eine Zeit von knapp unter 5 h reichen sollte (letztendlich 4:58 h, Schnitt ca. 36,2 km/h), was mich erstmal richtig enttäuschte.

Nach dem 2. Wechsel ging ich nach exakt 6:00 h Rennzeit auf den Marathon. Die Hitze war zu diesem Zeitpunkt schon brutal. Nur mal so nebenbei: auf der Radstrecke habe ich ca. 10 oder 11 Radflaschen leer getrunken. So viel habe ich noch nie annähernd bei meinen anderen LD’s getrunken. Die gleiche Menge habe ich mir in den Helm geschüttet, um zu kühlen.

Nun wurde mir klar, dass ich ja „nur“ einen Marathon in 3:30 h laufen müsste, um auf meine neue Zielzeit von 9:30 h zu kommen. Und ich war mir in diesem Jahr einfach so sicher diese Zeit locker laufen zu können. Ich schlug mein angestrebtes Lauftempo von 4:50 min/km an, was eine Marathonzeit von 3:23 h ergibt und hatte keinerlei muskuläre Probleme. Nach ein paar km wurde mir jedoch bewusst, dass die Hitze wirklich extrem war. Leider verläuft fast die gesamte Laufstrecke ohne jeglichen Schatten (ich schätze maximal 5 der 42 km liegen im Schatten). Die Temperaturen betrugen zu diesem Zeitpunkt wohl um die 34 Grad in der Sonne. Bei km 7 lief mein Kumpel Marco an mir vorbei und kurz darauf mein Kumpel Christian auf mich auf. Er hatte frühzeitig einen Platten gehabt und eine neue Bestzeit (liegt irgendwo bei 8:49 h) war für ihn längst dahin, weswegen er nur noch finishen wollte und meinte, dass er ab jetzt mit mir laufen würde, wofür ich mich jetzt nochmal bedanken muss!!! Einige km ging es noch ganz gut aber dann wurde mir immer heißer und obwohl alle 2 km eine Verpflegungsstelle kommt, hatte ich zwischendrin schon wieder Durst und salzige Haut. Ich schwitze einfach viel zu viel. An jeder Verpflegungsstelle musste ich daher kurz gehen, um immer ca. 4 Becher Wasser, Cola oder Iso zu trinken und mir Wasser über den Kopf zu schütten. Das Tempo von 4:50 min/km konnte ich grundsätzlich eigentlich noch halten, aber durch die Gehphasen an den Verpflegungsstellen waren die km dann doch über 5 min/km. Christian war das dann verständlicherweise doch zu lahm und er lief weiter. Kurz darauf musste ich ganz dringend in den nahegelegenen Wald, denn mein Magen-Darm-Trakt machte Probleme. Zum Glück war da ein Wald und gerade keinerlei Zuschauer in der Nähe… zurück auf der Laufstrecke begann dann so langsam mein größtes Problem an diesem Tag: nicht irgendeine Oberschenkelmuskulatur, die krampfte oder sowas, sondern: mein Kopf

Mir wurde klar, dass es mit diesen ganzen Verpflegungsgehphasen nicht für eine

bei km 21

bei km 21

Marathonzeit von 3:30 h reichen würde und somit mein „nachgebessertes“ Ziel von 9:30 h nicht mehr drin war. Und dann gab ich innerlich auf. Zunächst lief ich bis km 21, wo man theoretisch nur noch 3 km bis zum Zielbereich hat und ich war so unglaublich kurz davor aufzugeben und ins Ziel zu gehen. Keine Ahnung, warum ich dann doch weiterlief, aber heute bin ich sehr glücklich darüber. Von da an war es so, dass ich ein Tempo von 4:50 bis 5:00 min laufen konnte, aber manchmal einfach keine Lust hatte zu laufen. Sowas hatte ich noch nie. Das war ungefähr so: „hm, ich kann zwar weiterlaufen, aber warum? Du könntest doch jetzt auch ein bisschen gehen. Ist doch scheißegal heute“ Und dann bin ich ein bisschen gegangen. Meistens ca. 100 m und dann wieder weitergelaufen. Einmal hab ich mich zu einem Bekannten auf die Parkbank gesetzt und habe kurz mit ihm geplaudert. Mir war es einfach scheißegal, ob ich mit 9:40 h, 9:50 h oder 10:20 h ins Ziel kommen würde.

ca. bei km 32 mit Katja und Lars

ca. bei km 32 mit Katja und Lars

Auf dem Rückweg von dem Wendepunkt bei km 30 rum merkte ich, dass mir einige Jungs aus meiner Startgruppe entgegenkamen, die noch viele km hinter mir lagen. Um in die 1. Startgruppe zu kommen, hatte man eine Zielzeit von mindestens 9:15 h angeben müssen. Somit war ich nicht der einzige, der sein Ziel nicht erreichen sollte. Aber Genugtuung hat mir das während des Rennens nicht gegeben.

Irgendwann war ich dann im Zielbereich angekommen und lief ohne jegliche Gefühlsausbrüche völlig emotionslos nach 9:47 h über die Ziellinie.

Im Zielbereich traf ich dann Simon, der seine zeitlichen Vorstellungen leider auch nicht erreichen konnten und gemeinsam beschlossen wir, nie wieder so eine Scheiße wie eine Langdistanz zu machen. Wir, er noch mehr als ich, haben dieses Jahr wirklich sehr diszipliniert trainiert. Auf Dinge verzichtet (wir wurden Fußballweltmeister und ich war kein einziges Mal betrunken 😦 ), bei 8 Grad 4 h im Regen geradelt usw. und dann sowas.

Abends sind wir dann zusammen zur Finishline-Party gegangen, wo die letzten Finisher nach 15 h ins Ziel kommen. Die Party im Triathlonstadion war wirklich schön und bewegend.

Finisherparty

Finisherparty

So, und ab jetzt darf dieser Artikel wieder etwas positiver werden: während dieser Party erfuhren wir erstmals unsere Platzierungen und waren ziemlich überrascht: ich belegte den 117. Gesamtplatz, was mit Abstand meine beste Platzierung in einem Ironmanrennen bedeutet. Mit meiner Zeit von 9:47 h ist man in den letzten Jahren in Roth in der Regel zwischen Platz 250 und 300 gelandet. Es sind an diesem Tag einfach soooooooo viele geplatzt, mussten aufgeben, haben aufgegeben o. ä. dass ich mittlerweile auf die Platzierung (nicht die Zeit) ein bisschen stolz bin. Bzw. ich ärgere mich darüber, dass ich nicht doch durchgelaufen bin (was möglich gewesen wäre, wenn der Kopf mitgemacht hätte), denn dann wäre ich in den Top100 gelandet. Naja.

Noch mehr solcher Statistiken gefällig: genau 20 Starter landeten unter 9 h. Normalerweise sind das ca. 40. Könnte noch ne Weile so weitermachen…

In Anbetracht der Umstände mit Krankheit in der Vorwoche und der brutalen Hitze ist die Leistung eigentlich ok. Aber für „ok“ habe ich nicht 9 Monate lang trainiert. Zum zweiten Mal hintereinander wurden mir durch äußere Bedingungen die Langdistanz versaut (2011 in Frankfurt 12 Grad und Dauerregen). Positiv ist, dass ich erstmals keine Krämpfe hatte, was auch an den 10 Salztabletten liegen könnte, die ich mir reingepfiffen habe.

Hier meine Splits und Einzelplatzierungen:

Schwimmen: 58:31 min, Platz 127

Rad: 4:58:29 h, Platz 123

Lauf: 3:46:45 h, Platz 248 (normalerweise ist diese Laufzeit Platz 500 oder so…)

Gesamtzeit 9:47:24 h

Gesamtplatz 117 von 3500 Gestarteten

Auch meine drei Kumpels Simon, Christian und Marco konnten ihre gesteckten Ziele nicht oder nicht ganz erreichen, landeten aber alle drei noch ein gutes Stück vor mir.

von rechts: Christian, Simon (direkt nach der Massage), Marco und ich

von rechts: Christian, Simon (direkt nach der Massage), Marco und ich

Insgesamt sind an diesem Tag laut Ergebnisliste 850 der 3500 Gestarteten nicht ins Ziel gekommen. Das ist ein unglaublich hoher Wert! Jeder Vierte! Darunter leider auch mein Daddy, der beim Schwimmen wohl zu viel aus dem Main-Donau-Kanal trank und infolgedessen nach 60 Radkilometern aussteigen musste 😦 Kopf hoch!

Wenn ich dann höre, dass der Kommentator des Bayerischen Rundfunks von „perfekten“ Bedingungen sprach, würde ich ihn gerne fragen, ob er sich an diesem Tag mal aus seinem Pupssessel in seinem klimatisierten Studio erhoben und nach draußen begeben hat?!? Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!!!

DANKE an alle, die vor Ort angefeuert, am Liveticker mitgefiebert oder Daumen gedrückt haben!!! Vor Ort war die Performance der fünf angereisten Forster unschlagbar! Einmal lief ich am Kanal entlang und plötzlich ertönte schallend: #zensiert da politisch inkorrekt# von der anderen Kanalseite… das werde ich nie vergessen! 🙂

Ihr ward die Besten!

Ihr ward die Besten!

Zu guter Letzt: da Simon sein gestecktes Ziel um 29 min, ich mein’s aber nur um 28 min verpasst habe: habe ich dann gewonnen?!? 😉 @Simon: danke dafür, dass du mir regelmäßig den Arsch aufgerissen und zusätzlich noch Tipps gegeben hast!

Und bezüglich Äußerungen, ob dies wirklich das letzte Langdistanzrennen meines Lebens war, halte mich jetzt einfach mal zurück, denn ich mittlerweile weiß, dass mit der Zeit auch die Erinnerung vergehen kann… 😉

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